Hi,
auf irgendwelchem Wege bist du auf meiner Seite gelandet und durchforstest gerade meine Wortwälder nach Wahrheiten und wiedererkennbaren Realitäten. Womöglich wirst du dich bestätigt fühlen, mit jeder Zeile, die du genüsslich oder angewidert verspeist. Ich schreibe seit mehreren Jahren, ohne tatsächlichen Grund, ohne eindeutiges Ziel, die den Texten eine erkennbare Linie verleihen könnten. Durch dieses virtuell lose im Netz baumelndes Feld für meine Gedanken habe ich viel über mich selbst erfahren und finde mich bei der sporadischen Lektüre der alten Ergüsse ab und zu wieder. Dieser Blog bedeutet viel für mich- ich habe ihn für mich verfasst und mit mir wachsen lassen.
Neuerdings erfasse ich die Tragweite meiner Niederschriften- manchmal hilft es eben nicht nur mir, (beinahe) anonym zerknautschtes Zeug zu transkribieren. Ich nehme mir dieses Jahr ein Ziel: ich möchte mehr helfen- mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln. Diese Maßnahmen fangen genau hier an. Mit ein paar besänftigenden Worten.
Letztens dachte ich zu viel.
Ich wusste nicht, woher diese intrinsische Demoralisation herrührte. Zu viel geschah um mich herum, es lief nichts oder lief zu schnell vor mir den Berg herab. Es war ein unvermengbares Gemisch aus Wut ohne manifeste Richtung und Unglauben darüber, wie wenig frei mein Wille über Motivationsschübe und Entscheidungen verfügte. Nichts davon war wirklich frei und das verursachte umso mehr unüberwindbarer Trübnisse in meiner Stimmung.
Was, wenn ich nicht das Richtige angepackt habe?
Ist irgendwas zielführend?
Kann ich damit Menschen helfen?
Und womit hätten sie es sich verdient?
Was habe ich überhaupt erreicht bis jetzt?
Schließlich: Warum kann ich hier nicht einfach verschwinden, untertauchen und den verknoteten Haufen Verpflichtungen schlichtweg von mir abtrennen und wieder ohne Fußfessel anderswo, meinen Weg bestreiten?
Ich habe Antworten gefunden, aber das gelingt in den allerseltensten Fällen. Zumeist widerlege ich meine fatalistischen und endgültigen Überzeugungen über das unlösbare Weltenleid, an dem ich allein durch meine Existenz beteiligt bin. Es ist kein angenehmer Gedankengang, seine eigenen leicht im Sinn schwebenden Schattengelüste durch rationales Revidieren auszutreiben. Aber es ist die einzige Abzweigung, die zur angestrebten Endstation führt.
Was also, wenn ich mich tatsächlich nicht passend festgelegt habe? Ganz einfach. Macht nichts. Was auch immer derzeit deine zentrale Beschäftigung darstellt: es resultiert irgendwann in einem Gespann aus logischen Entwicklungen, die allesamt in deinem ultimativen Selbst einen Platz erhalten werden. Wenn du das Falsche studierst, verzage nicht. Es ist nicht komplett falsch, weil du trotzdem Erkenntnisse sammelst, wie du sie aus eigener Beschäftigung heraus wohl nie so eindringlich erlangen könntest. Du eignest dir Wissen an. Das Einzige, was dir in keiner Lage gestohlen werden kann.
Ist irgendwas zielführend? Alle Wege führen nach Rom. Ob es nun Rom sein soll oder lieber Canberra ist völlig unter deiner Kontrolle. Keine Frage, was die Anderen zu deinen Zieldestinationen zu äußern haben, wird in irgendeiner Weise einen Nachhall in deinem Gedächtnis haben und wird einen mehr oder weniger manipulativen Zwang auferlegen. Befürwortung und Unterstützung ist durchaus relevant, aber konstituiert nicht den gesamten Kuchen. Was auch immer du dir vornimmst, ist mit größter Wahrscheinlichkeit bewältigbar. Die Erreichung wird Anstrengung kosten, die dir momentan unmöglich zu verkraften erscheinen kann. Wie gesagt: keines deiner Probleme musst du simultan lösen. Zerteile deine Arbeit in Schritte, in Portionen und fange an, diese Stufen zu besteigen. Im Stillstand lässt sich gut sagen, es sei nicht schaffbar, was du dir vorgenommen hast.
Ist mein Verhalten für mein Umfeld in irgendeiner Weise dienlich? Muss nicht sein, dass das alle außer mir besorgt. Ich gehe sogar eher von einer Minderheit aus, die sich durch derlei belastet fühlt, aber ich bin da wohl ein äußerst konformer Mensch, da ich am liebsten alle zufriedenstellen und alle Mäuler stopfen würde. Höchstwahrscheinlich ist das, was du in Angriff nimmst in dem Moment bereits hilfreich für deinen unmittelbaren Kosmos (und in weiterer Folge für alle weiteren Systeme), wenn du bei der Handlung glücklich bist. Das steckt deine Familie an. Also in jedem Fall: alles, was du aus eigenem Ermessen mit Freude tust, wird bereits Früchte tragen, weil du durch Zufriedenheit eine Situation schaffst, in der alles gedeihen kann.
Womit hätten sie meine Anstrengungen verdient? Ich weiß es, ehrlich gesagt, nicht. Die Menschheit verdient sich heutzutage nicht sonderlich viel Lob, weswegen Altruismus und selbstloses Handeln irgendwie außergewöhnlich und unverhältnismäßig wirken. Warum gebe ich also trotzdem mehr Trinkgeld, als ich mir grundsätzlich leisten kann? Wozu laufe ich Passanten hinterher, denen Gegenstände aus den Taschen fallen, obwohl ich teils kein Danke erwarten darf? Warum renne ich vor ein Auto, um ein Nachbarkind aus dem Weg zu werfen? Ich habe ein reines Gewissen, dass ich im rechten Moment das einzig Denkbare getan habe und um nicht im Nachhinein über eine möglich gewesene kleine Heldentat phantasieren zu müssen. Zimbardo meinte:
„The point is, are we ready to take the path to celebrating ordinary heroes waiting for the right situation to come along to put heroic imagination into action? Because it may only happen once in your life and when you pass it by, you’ll always know, I could’ve been a hero and I let it pass me by.“ (Ted Talk)
Was habe ich bis jetzt erreicht? Jeder hat sein eigens angepasstes Tempo- es ist eine Wunschvorstellung, dass wir mit 20 bereits Praktika absolviert haben, ein Auslandsjahr hinter uns haben, ein soziales Gap Year eingelegt haben, einen Studienabschluss anstreben und einen Plan vom weiteren Lauf der Dinge haben werden. Es ist eine Wunschvorstellung aller Unternehmen, die uns anwerben mit ihren immer höhergreifenden Profilanforderungen. Mit 20 sind wir erst bei der Identitätsfindung und wenn die Unternehmen keine Leute finden, sollen die sich nicht wundern. Es liegt nicht an uns, dass wir nicht genug Jahre am Buckel haben, als dass wir den Erfahrungsumfang eines 70-Jährigen vorweisen können.
Und warum kann ich hier nicht weg? Ich kenne Leute, die freien Fußes die Ländergrenzen übertreten, als seien sie nicht vorhanden. Sie fliehen, wann immer sie wollen. Sie retten sich vor den sozialen Normen des einen verklemmten Staates in die Klauen des Normensystems einer anderen Region. Manchmal wünschte ich, ich könnte an einen Ort verreisen und alles hinter mir lassen, jede anstehende Aufgabe, jede weitere auf mich zulaufende Etappe einfach ignorieren und verschwinden. Tatsache ist leider, dass man vor den Sorgen nicht weglaufen kann, weil man sie im eigenen Gepäck mitschleppt. Es wird besser, wenn man sich auf jemanden fixiert beziehen kann.
Die Meisten verfolgen diesen Neujahrsvorsatzwahn zurzeit, aber es gibt bloß einen wirklich gültigen Vorsatz und zwar für die gesamte Lebensspanne- um jeden Preis glücklich werden.

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