Sturmfrei

Ab und zu begibt es sich, dass sowohl Mutter als auch der Knirps außer Haus sind. Nicht oft, aber dennoch. Das sind dann diese Abende, an denen Dinge passieren, die eigentlich kaum in Worte zu fassen sind- so wunderbar sind diese Momente. Nö, nö. Keine Sorge- die Bude steht noch, Alkohol war nicht im Spiel und ja: ich war tatsächlich allein. Keine Party. Bloß sechs unvergessliche Stunden völligen unproduktiven Herumtreibens, voller Musik und unkontrolliertem Tanzen.
Gleich nachdem meine Mutter die Tür hinter sich abgeschlossen hat (natürlich nicht, ohne mir davor 1 Stunde lang zu erklären, was ich während ihrer Abwesenheit zu erledigen habe), habe ich mir erstmal die Hauspatschen von den Füßen gestreift, die Socken heruntergerissen und beides durch die Gegend geworfen. Meine Füße brauchen Freiheit, Schuhe sind wie eine Haftstrafe. Vor allem daheim- da muss ich barfuß herumlaufen können. Aber meine Mutter erlaubt dies nicht, mit der Begründung, dass man bei kalten Füßen unweigerlich krank wird. Kennt man ja. Füße befreien- check.
Danach bin ich ins Bad gelaufen und habe womöglich 15 Minuten damit verbraucht mir Grimassen zu schneiden, mich abzuwiegen und mir mit rotem Chanel-Lippenstift einen geschwungenen Schnauzer zu malen. Sollte bei mir irgendwann einmal unverhofft der Bartwuchs einsetzen, werde ich ihn rot färben. For sure.
Plötzlich überfällt mich die Lust, Musik zu hören. Nehm ich also meinen IPod zur Hand und drück auf Shuffle. Und gleich als erstes kommt der gesamte Amelié-Soundtrack von Yann Tiersen, der eine geschlagene Stunde dauert. Dazu tanze ich und nach einiger Zeit bemerke ich, dass irgendetwas fehlt. Laufe ich also zu meiner Garderobe und hole das altmodischste Kleid, meinen Burberrymantel und blaue Highheels heraus, streife alles über, setze mir einen Hut auf und fühle mich so fabulös wie Audrey Hepburn. Natürlich fällt mir da erst ein, dass ich noch bestimmte Dinge zu erledigen habe. Wie zum Beispiel: den gesamten Berg Geschirr zu spülen, Küche zu putzen und Wäsche auszuhängen. Aufgrund von übermäßiger Faulheit mache ich mich in all den Klamotten an die Arbeit und pfeife vor mich hin. Gut, hab ich also die gesamte Küche blankgeschrubbt und das Geschirr ordentlich aufgestapelt. Jetzt brauche ich dringend eine Tasse Tee. Nur spaßeshalber hole ich mir 2 Strohhalme und trinke den Tee im Mantel draußen auf dem Dach, während ich auf Wien herabschaue. Sternenhimmel und Hipsterfeeling inklusive. Das Tüpfelchen auf dem I: Prinzenrolle. Genau die.
Schön, genug draußen rumgesessen. Mein Arsch friert schon ab und die Sonnenbrille habe ich auch nur so aufgesetzt. Mittlerweile seh ich ja eh nichts mehr. Ich putz all die Kekskrümmel weg und schlurfe wieder hinein. Leg mich auf den Boden und zieh mir die Heels aus. Sehe meine Zehen und bekomme das unglaubliche Verlangen, Nagellack zu riechen. 5 Minuten später hab ich mir am Badezimmerboden frische Pediküre verpasst. Yeay. Während ich darauf warte, dass der Lack endlich trocknet, kritzle ich Hasen in „Lasst die Bären los!“ von John Irving. Eine halbe Stunde vergeht und ich liege immer noch dort am Boden und lese heulend alte SMS von Typen, die mir das Herz gebrochen haben. Ob du‘s glaubst oder nicht: Ich kann nicht glücklich sein, ohne das kleine bisschen Drama.
Um ein bisschen Zeit zu vergeuden und mich von meinem mittlerweile verschwollenen Gesicht abzulenken, klemm ich mir meinen Computer unter den Arm und setz mich damit ans Fenster in der Küche, wo der Wasserkocher gerade das Eck erwärmt hat. Ich stöbere herum und schau mir die Blogs meiner Freundinnen an. Mit all dem Suizid- Kekse- Hundkatzkanickelbabys- Freundschaft- Liebe-Herzschmerz- Kummer- 9Gag- Blumen- Zahnstochermodels- Mode- Tschicks- Alk- Drogen- Lebensweisheiten- undwasweißichnoch- Getue. Ich schreibe meinen Papa auf Skype an. Hola Vater. Was geht ab. Ja, mir geht’s gut. Nein, ich bin noch nicht gesund. Ja, ich trinke genug Wasser- jajaja, Mama hat mir schon Aspirin reingestopft. Nicht viel Neues, man lebt. Ja ok, ich geh bald schlafen. Ja Papa, ich weiß, ich bemüh mich eh. Ja, ich hab meine Hausübungen schon gemacht. Nein, ich hab keinen Freund. Übliches Geplapper eben.
Um auf andere Gedanken zu kommen, laufe ich 3 Mal die Treppen rauf und runter. Ums noch witziger zu gestalten, suche ich nach den Plastikschwertern meines Bruders. Damit fuchtel ich zu „When I Was A Youngster“ herum. Irgendwann wird mir das Ganze zu blöd und ich muss mal. Ich guck mal bei Facebook vorbei und falle dabei fast vom Hocker. Mein Ex hat sich von seiner Freundin getrennt! Schadenfroh hüpf ich herum und um das abzufeiern reiß ich den Kühlschrank auf. Der beste Freund- Nutella- wartet auf mich. Noch im Kleid und Mantel und Hut lege ich mich auf das Sofa am Eingang. Ich drück das leere Nutellaglas fest an mich und schlafe mitsamt Schnauzer ein.
Kurz vor Mitternacht wache ich wieder auf, ziehe mich aus, dusche in Blitzesschnelle, räume die Socken weg, die ich zuvor herumgeworfen habe und warte auf Mama und meinen Bruder. Scheinheilig öffne ich die Türe, scheinheilig antworte ich auf die Frage: „Und was hast du so gemacht?“ mit „Ach nichts, weißt du?“, wiederum scheinheilig mache ich auf die saubere Küche aufmerksam und verstecke das leere Glas Nutella hinter meinem Rücken.

Und so ähnlich geht das schon seit ungefähr 10 Jahren.

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